Stigmatisierte Gesundheitsthemen im Nachwuchsleistungssport
Von Carlos Lang
Die Studie hatte das Ziel, eine Intervention zu entwickeln, die den Austausch von Wissen sowie die Kommunikation über stigmatisierte Gesundheitsthemen im Sport fördert. Der Fokus lag auf jugendlichen Langläufern (16–19 Jahre) sowie deren Trainer an einer schwedischen sportorientierten Sekundarschule. Insgesamt nahmen 21 Athleten (12♀, 9♂) und vier Trainer teil und wirkten an der Entwicklung und Umsetzung der Intervention mit.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Intervention zu einer verbesserten Wissensbasis und zu einer erhöhten Kommunikationsbereitschaft zwischen Athleten und Trainern hinsichtlich stigmatisierter Gesundheitsthemen führte. Insbesondere integrierte Wissensvermittlung sowie der Austausch persönlicher Erfahrungen erwiesen sich als zentrale Mechanismen zur Reduktion von Stigmatisierung und Kommunikationsbarrieren. Trotz dieser positiven Effekte blieben Gespräche über Körpergewicht, Essstörungen und männliche Hormonfunktion weiterhin herausfordernd. Die Studie unterstreicht die Bedeutung strukturierter, kontextangepasster Bildungsmaßnahmen zur Förderung offener Kommunikation über sensible Gesundheitsthemen im Nachwuchsleistungssport.

Eine Intervention zur Förderung von Wissen und Kommunikationsprozessen bei jugendlichen Langläufern
- Eine strukturierte Bildungsmaßnahme kann Wissen und Kommunikation über stigmatisierte Gesundheitsthemen verbessern
- Gemeinsame Wissensvermittlung an Athleten und Trainer fördert gegenseitiges Verständnis und senkt Kommunikationsbarrieren
- Der Austausch persönlicher Erfahrungen unterstützt den Abbau von Stigmatisierung und erleichtert offene Gespräche
- Frühzeitige, kontextangepasste Bildungsmaßnahmen sind entscheidend für Gesundheit, Leistungsentwicklung und Hilfesuchverhalten
Einleitung
Die Leistungsentwicklung jugendlicher Athleten wird neben Training und Regeneration maßgeblich durch gesundheitliche Faktoren wie mentale Gesundheit, Energieverfügbarkeit und hormonelle Funktion beeinflusst. Trotz der hohen Prävalenz entsprechender Symptome gelten Themen wie relative Energieverfügbarkeit, Essstörungen, mentale Gesundheit sowie weibliche und männliche Hormonfunktion im Leistungssport häufig als stigmatisiert und werden selten offen kommuniziert [2,7,10].
Gerade im Jugendalter können fehlendes Wissen, individuelle Schamgefühle sowie strukturelle Barrieren die Kommunikation zwischen Athleten und Trainern erschweren [3,6]. Eine eingeschränkte Kommunikation kann das Hilfesuchverhalten reduzieren und langfristig sowohl die gesundheitliche als auch die sportliche Entwicklung beeinträchtigen [1,4].
Ziel der Forschenden dieser Studie war es daher, gemeinsam mit Athleten und Trainern eine Bildungsintervention zu entwickeln, umzusetzen und zu evaluieren, um Wissen und Kommunikation über mehrere miteinander verknüpfte stigmatisierte Gesundheitsthemen im Nachwuchsleistungssport zu fördern.
Methoden
Die Studie folgte einem edukativen, partizipativen Interventionsdesign, bei dem Athleten und Trainer gemeinsam die Phasen Planung, Umsetzung, Beobachtung und Reflexion durchliefen. Teilnehmer waren 21 späte jugendliche Langläufer (12 weiblich, 9 männlich) sowie vier Trainer an einer sportorientierten Sekundarschule in Schweden. Zusätzlich wurde eine Kontrollgruppe aus einer vergleichbaren Schule einbezogen.
In der Planungsphase identifizierten Athleten und Trainer gemeinsam relevante, als stigmatisiert wahrgenommene Gesundheitsthemen. Auf dieser Basis wurde eine Interventionsreihe mit mehreren Workshops entwickelt. Diese behandelten relative Energieverfügbarkeit/Essstörungen, mentale Gesundheit sowie weibliche und männliche Hormonfunktion. Die Workshops kombinierten fachliche Inputs durch Experten mit moderierten Kleingruppendiskussionen.
Zur Evaluation wurden standardisierte Fragebögen vor und nach der Intervention eingesetzt, ergänzt durch qualitative Gruppendiskussionen. Quantitative Daten wurden statistisch analysiert, qualitative Daten thematisch ausgewertet.

Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Verbesserung der wahrgenommenen Kenntnisse über alle behandelten Gesundheitsthemen hinweg. Sowohl Athleten als auch Trainer berichteten über eine erhöhte Sicherheit und Häufigkeit der Kommunikation zu Themen wie Energieverfügbarkeit, mentale Gesundheit und hormonelle Symptome.
Die qualitative Analyse identifizierte drei zentrale Mechanismen für die beobachteten Veränderungen:
- erweitertes Wissen,
- integrierte Wissensvermittlung für Athleten und Trainer
- Austausch persönlicher Erfahrungen.
Trotz der insgesamt positiven Effekte blieben Gespräche über Körpergewicht, Essstörungen und männliche hormonelle Symptome für viele Teilnehmer weiterhin mit Hemmungen verbunden.
Diskussion
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass eine gemeinsam entwickelte und kontextangepasste Bildungsintervention geeignet ist, Wissen und Kommunikation über stigmatisierte Gesundheitsthemen im Nachwuchsleistungssport zu verbessern. Die gleichzeitige Einbindung von Athleten und Trainern erwies sich als besonders wirksam, da sie ein gemeinsames Verständnis schuf und die Intention hinter sensiblen Fragen transparenter machte [6,9].
Der Austausch persönlicher Erfahrungen stellte einen weiteren zentralen Wirkmechanismus dar, der bereits in früheren Studien als förderlich für die Kommunikation über mentale Gesundheit, Essstörungen und hormonelle Themen beschrieben wurde [3,8]. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse jedoch, dass bestimmte Themen wie zum Beispiel Körpergewicht, Essstörungen und männliche Hormonfunktion, auch nach gezielten Bildungsmaßnahmen stark stigmatisiert bleiben [5,7].
Insgesamt unterstreicht die Studie die Bedeutung frühzeitiger, strukturierter und integrierter Bildungsansätze, die Athleten und Trainer gemeinsam adressieren. Solche Interventionen können einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Gesundheit, Hilfesuchverhalten und nachhaltiger Leistungsentwicklung im Nachwuchsleistungssport leisten.
Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Stigmatised health topics in sport: An action research approach to enhance knowledge and communication" die 2026 im „Journal of Sports Sciences" veröffentlicht wurde.
Quellen
Höök, M., Knight, C. J., & McGawley, K. (2026). Stigmatised health topics in sport: An action research approach to enhance knowledge and communication. Journal of Sports Sciences, 44(5), 574–592. doi.org/10.1080/02640414.2025.2598171
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[9] McGawley, K., Sargent, D., Noordhof, D., Badenhorst, C. E., Julian, R., & Govus, A. D. (2023). Improving menstrual health literacy in sport. Journal of Science and Medicine in Sport, 26(7), 351–357. doi.org/10.1016/j.jsams.2023.06.007
[10] Mountjoy, M., Ackerman, K. E., Bailey, D. M., Burke, L. M., Constantini, N., Hackney, A. C., Heikura, I. A., Melin, A., Pensgaard, A. M., Stellingwerff, T., Sundgot-Borgen, J. K., Torstveit, M. K., Jacobsen, A. U., Verhagen, E., Budgett, R., Engebretsen, L., & Erdener, U. (2023). 2023 International Olympic Committee’s (IOC) consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs). British Journal of Sports Medicine, 57(17), 1073–1098. doi.org/10.1136/bjsports-2023-106994
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