Was ist Trainingsqualität und wie kann sie verbessert werden?
Von Carlos Lang
Das Konzept der Trainingsqualität verdeutlicht, dass der Trainingseffekt nicht allein vom Umfang, der Intensität oder der Häufigkeit des Trainings abhängt, sondern maßgeblich von dessen Durchführung. Ziel dieser Arbeit ist es, einen praxisorientierten Rahmen zur Beschreibung der Trainingsqualität sowie deren Verbesserung zu entwickeln.
Trainingsqualität wird als der Grad an Exzellenz definiert, mit dem Trainingsprozesse und einzelne Einheiten umgesetzt werden, um Anpassungen zu optimieren und die Gesamtleistung zu steigern. Dabei umfasst sie sowohl den ganzheitlichen Trainingsprozess als auch die Qualität einzelner Trainingseinheiten. Eine Verbesserung erfolgt insbesondere durch einen individualisierten, zyklischen Lernprozess aus Planung, Durchführung und Nachbereitung.

Analyse und Ansätze zur Optimierung von Trainingsprozessen
- Trainingsqualität geht über reine Trainingsbelastung hinaus und beschreibt, wie effektiv Training umgesetzt wird
- Sie umfasst sowohl den gesamten Trainingsprozess als auch die Qualität einzelner Einheiten
- Trainingsqualität ist individuell und kontextabhängig und muss entsprechend bewertet werden
- Eine hohe Trainingsqualität entsteht durch einen kontinuierlichen Lernprozess aus Planung, Durchführung und Evaluation in enger Zusammenarbeit zwischen Athleten und Trainer
Einleitung
Die Sportwissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten umfangreiche Erkenntnisse darüber gewonnen, wie Trainingsumfang, Intensität und Häufigkeit die sportliche Leistungsentwicklung beeinflussen [1,6]. Dennoch betonen Trainer und Spitzenathleten, dass nicht nur die Quantität des Trainings entscheidend ist, sondern vor allem die Art und Weise der Durchführung sowie die zugrunde liegenden Zielsetzungen [5].
Während Trainingsbelastungsparameter gut untersucht sind, wurde das Konzept der Trainingsqualität bislang nur unzureichend wissenschaftlich behandelt. Vor diesem Hintergrund verfolgt der Artikel das Ziel, einen praxisorientierten Rahmen zur Definition der Trainingsqualität sowie Ansätze zu deren Verbesserung zu entwickeln.
Was ist Trainingsqualität?
„When I do every workout, I’m thinking why I’m doing this? What is the goal?“ - Kilian Jornet (Erfolgreichster Trailläufer und Skibergsteiger)
Trainingsqualität wird als der Grad an Exzellenz definiert, mit dem ein Trainingsprozess oder eine einzelne Trainingseinheit durchgeführt wird, um Anpassungen zu optimieren und die sportliche Leistung zu verbessern. Dabei lassen sich zwei zentrale Dimensionen unterscheiden:
- Qualität des ganzheitlichen Trainingsprozess:
umfasst langfristige Planung, Zielsetzung, Lückenanalyse sowie die Anwendung trainingswissenschaftlicher Prinzipien - Qualität der spezifischen Trainingseinheit:
beschreibt die Fähigkeit, eine Trainingseinheit exakt entsprechend ihrer Zielsetzung (z. B. Technik, Ausdauer oder Intensität) umzusetzen
Diese beiden Dimensionen sind eng miteinander verknüpft: Ein qualitativ hochwertiger Trainingsprozess bildet die Grundlage für effektive Trainingseinheiten, während hochwertige Einheiten wiederum langfristige Leistungsanpassungen ermöglichen. Darüber hinaus ist Trainingsqualität stets kontextabhängig und muss individuell, sportartspezifisch sowie situationsbezogen bewertet werden.
Welche Faktoren beeinflussen die Trainingsqualität?
Die Trainingsqualität wird durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren bestimmt, darunter Trainingsbelastung und Regeneration, die Kompetenzen und Erfahrungen von Athleten und Trainern sowie das Trainingsumfeld und soziale Unterstützung. Auch psychologische Aspekte wie Motivation, Selbstregulation und Eigenverantwortung spielen eine zentrale Rolle.
Eine hohe Trainingsqualität kann letztlich nur durch den Athleten selbst realisiert werden. Entscheidend sind eine sorgfältige Vorbereitung mit ausreichendem Schlaf, angepasster Ernährung und gezieltem Aufwärmen, eine fokussierte Durchführung mit klarer Ausrichtung auf das Trainingsziel sowie eine bewusste Nachbereitung durch Reflexion und Regeneration.
Gleichzeitig kommt der Trainer-Athlet-Interaktion eine besondere Bedeutung zu. Insbesondere die Fähigkeit, Trainingsinhalte flexibel an den aktuellen physischen und psychischen Zustand des Athleten anzupassen, gilt als zentraler Faktor für eine optimale Leistungsentwicklung.
Ist es möglich, Trainingsqualität zu bewerten?
Aufgrund ihres ganzheitlichen Charakters ist die Trainingsqualität nur schwer zu quantifizieren, und es existieren bislang nur wenige empirische Untersuchungen. Dennoch ist die Bewertung von Qualitätsindikatoren wichtig, um Einflussfaktoren zu verstehen und das Training gezielt zu verbessern.
Innerhalb von Trainingseinheiten lassen sich physische, technische und mentale Faktoren unterscheiden [4], die stets im Kontext der Trainingsintention interpretiert werden müssen. Zudem ist Trainingsqualität individuell, sportartspezifisch und einheitsspezifisch zu bewerten. Quantitative Ansätze erfassen beispielsweise Abweichungen zwischen geplanter und tatsächlicher Belastung (z. B. Herzfrequenz, RPE, Geschwindigkeit) [2,7], während qualitative Einschätzungen auf subjektiver Wahrnehmung beruhen und anfälliger für Verzerrungen sind [3].
Daher ist eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Indikatoren sinnvoll, wobei deren Auswahl an den individuellen Zielen des Athleten und der Trainingsintention ausgerichtet sein sollte. Erfahrene Trainer spielen dabei eine zentrale Rolle bei der Bewertung der Trainingsqualität.
Wie kann hohe Trainingsqualität entwickelt werden?
Die Entwicklung von Trainingsqualität erfolgt durch einen kontinuierlichen, zyklischen Lernprozess, der sich in drei zentrale Phasen gliedert:
- Planung und Vorbereitung
- Festlegung klarer Trainingsziele
- Auswahl geeigneter Trainingsmethoden und Belastungsparameter
- Planung von Feedbacksystemen (z. B. Herzfrequenz, Laktat, RPE, Videoanalyse)
- mentale und organisatorische Vorbereitung
- Durchführung
- konsequente Ausrichtung auf die Trainingsintention
- kontinuierliche Kontrolle und Anpassung der Belastung
- Nutzung von internem und externem Feedback
- Debriefing und Evaluation
- Einleitung von Regenerationsmaßnahmen
- Analyse physischer, technischer und psychologischer Aspekte
- Vergleich von geplanter und tatsächlicher Umsetzung

Dieser Prozess fördert ein kontinuierliches Lernen und ermöglicht eine gezielte Weiterentwicklung der Trainingsqualität. Während der Trainer den Gesamtprozess strukturiert und steuert, ist der Athlet entscheidend für die Qualität der tatsächlichen Umsetzung.
Praktische Anwendungen und Schlussfolgerung
Trainingsqualität ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis eines systematischen und kontinuierlichen Zusammenspiels zwischen Athleten, Trainer und Umfeld. Eine offene Kommunikation, ein unterstützendes Lernklima sowie ein hohes Maß an Eigenverantwortung seitens des Athleten stellen zentrale Voraussetzungen dar, um Trainingsprozesse über die reine Quantität hinaus zu optimieren.
Langfristig ermöglicht eine hohe Trainingsqualität eine optimale Anpassung an Trainingsreize und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, sportliche Höchstleistungen zu erreichen.
Die Inhalte basieren auf dem Kommentar "Training Quality—What Is It and How Can We Improve It?", der 2023 im "International Journal of Sports Physiology and Performance" veröffentlicht wurde.
Quellen
Bucher Sandbakk, S., Walther, J., Solli, G. S., Tønnessen, E., & Haugen, T. (2023). Training Quality—What Is It and How Can We Improve It? International Journal of Sports Physiology and Performance, 18(5), 557–560. https://doi.org/10.1123/ijspp.2022-0484
[1] Haugen, T., Sandbakk, Ø., Seiler, S., & Tønnessen, E. (2022). The Training Characteristics of World-Class Distance Runners: An Integration of Scientific Literature and Results-Proven Practice. Sports Medicine - Open, 8(1), 46. doi.org/10.1186/s40798-022-00438-7
[2] Inoue, A., Dos Santos Bunn, P., Do Carmo, E. C., Lattari, E., & Da Silva, E. B. (2022). Internal Training Load Perceived by Athletes and Planned by Coaches: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports Medicine - Open, 8(1), 35. doi.org/10.1186/s40798-022-00420-3
[3] Montull, L., Slapšinskaitė-Dackevičienė, A., Kiely, J., Hristovski, R., & Balagué, N. (2022). Integrative Proposals of Sports Monitoring: Subjective Outperforms Objective Monitoring. Sports Medicine - Open, 8(1), 41. doi.org/10.1186/s40798-022-00432-z
[4] Shell, S. J., Slattery, K., Clark, B., Broatch, J. R., Halson, S. L., & Coutts, A. J. (2023). Development and validity of the subjective training quality scale. European Journal of Sport Science, 23(7), 1102–1109. doi.org/10.1080/17461391.2022.2111276
[5] Solli, G. S., Tønnessen, E., & Sandbakk, Ø. (2017). The Training Characteristics of the World’s Most Successful Female Cross-Country Skier. Frontiers in Physiology, 8, 1069. doi.org/10.3389/fphys.2017.01069
[6] Tønnessen, E., Sylta, Ø., Haugen, T. A., Hem, E., Svendsen, I. S., & Seiler, S. (2014). The Road to Gold: Training and Peaking Characteristics in the Year Prior to a Gold Medal Endurance Performance. PLoS ONE, 9(7), e101796. doi.org/10.1371/journal.pone.0101796
[7] Voet, J. G., Lamberts, R. P., De Koning, J. J., De Jong, J., Foster, C., & Van Erp, T. (2022). Differences in execution and perception of training sessions as experienced by (semi‐) professional cyclists and their coach. European Journal of Sport Science, 22(10), 1586–1594. doi.org/10.1080/17461391.2021.1979102
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