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Studie

Kann mentale Vorbereitung die Leistungsfähigkeit im Biathlon verbessern?

Von Matthias Graf

Diese qualitative Fallstudie untersuchte, welche psychologischen Faktoren norwegische Nachwuchs-Biathletinnen als besonders leistungsrelevant wahrnehmen und welche mentalen Trainingsstrategien sie nutzen. Sechs Athlet*innen (U23/Junioren-Nationalkader) wurden mittels semi-strukturierter Interviews befragt. Drei zentrale Themen wurden identifiziert: (1) Selbstwirksamkeit als entscheidender Faktor für Schießleistung und Wettkampfstabilität, (2) Aufmerksamkeitssteuerung und Erregungsregulation als zentrale Voraussetzungen für Präzision unter Druck und (3) mental-taktische Strategien wie Prozessziele, Vorabplanung und simulationsnahe Trainingsformen. Die Athlet*innen betonten, dass fehlende Selbstwirksamkeit und steigende Anspannung das Risiko für Fehlschüsse und „Choking“ (=Versagen unter Drucksituationen) signifikant erhöhen können. Trotz hoher Bedeutung mentaler Faktoren berichteten viele von fehlenden strukturierten psychologischen Trainingsplänen. Die Ergebnisse zeigen klar, dass mentale Kompetenzen – insbesondere Selbstwirksamkeit und Aufmerksamkeitskontrolle – entscheidend zur Leistungsstabilität im Biathlon beitragen und im Training stärker systematisiert werden sollten.

Eine qualitative Untersuchung norwegischer Nachwuchs-Kaderathlet*innen

  • Selbstwirksamkeit ist der wichtigste psychologische Leistungsfaktor im Biathlon; Unsicherheit führt schnell zu Fehlschüssen.
  • Aufmerksamkeitsfokus und Erregungsregulation sind entscheidend, um präzises Schießen unter hoher Belastung aufrechtzuerhalten.
  • Choking tritt vor allem bei niedriger Selbstwirksamkeit und erhöhter Anspannung auf.
  • Athlet*innen nutzen simulationsähnliche Trainingsformen, jedoch selten strukturierte mentale Trainingsprogramme.
  • Ein systematisches mentales Training sollte in allen Entwicklungsphasen implementiert werden, um Schießleistung und Stressregulation zu stabilisieren.

Einleitung

Biathlon vereint hochintensive Ausdauerbelastung und Präzisionsschießen unter Zeitdruck – ein Zusammenspiel, das extreme kognitive Kontrolle, fokussierte Aufmerksamkeit und mentale Stabilität erfordert [2]. Obwohl psychophysiologische Aspekte des Schießens seit Jahrzehnten erforscht werden, existiert im Vergleich zum Skilanglauf kaum wissenschaftliche Literatur zu psychologischen Leistungsfaktoren im Biathlon [2]. Banduras Selbstwirksamkeitstheorie (SET – self-efficacy theory) bietet dabei eine zentrale Grundlage: Vergangene Erfolgserfahrungen, Modelllernen, verbale Überzeugung und Emotionsregulation beeinflussen, wie Athlet*innen unter Druck handeln [1]. Da Biathlet*innen in der Wintersaison nur begrenzte Wettkampferfahrung unter realem Druck sammeln können, gewinnen mentale Trainingsmethoden wie Imagery, Selbstgespräche und simulationsnahes Training an Bedeutung. Ziel dieser Studie war es, zu identifizieren, welche psychologischen Faktoren Athlet*innen als besonders relevant für ihre Wettkampfleistung wahrnehmen und welche mentalen Trainingsstrategien sie als zentral betrachten.

 

Methoden

Sechs Athlet*innen (3 weiblich, 3 männlich) aus dem norwegischen Junioren- und U23-Nationalteam wurden rekrutiert. Sie verfügten über durchschnittlich 12.5 Jahre Biathlon-Erfahrung und hohe nationale bzw. internationale Erfolgsnachweise. Die Daten wurden mittels semi-strukturierter Einzelinterviews (45–60 Min.) erhoben, digital durchgeführt und vollständig transkribiert. Die qualitative Auswertung erfolgte nach Braun & Clarke (2016) unter Verwendung einer induktiv-deduktiven thematischen Analyse [3]. Zur Sicherung der wissenschaftlichen Qualität wurden Peer-Debriefing, Transparenz und Reflexion der Forscherrolle angewandt.

 

Ergebnisse

1. Selbstwirksamkeit als zentrales Leistungsmerkmal

Alle Athlet*innen betonten Selbstwirksamkeit als wichtigsten Faktor für Schießqualität und Wettkampfstabilität.

  • Zweifel führten häufig zu Fehlschüssen.
  • Wiederholte Experimente in Drucksituationen und spezifisches Training steigerten das Vertrauen in die eigene Schießtechnik.
  • Fehlende Erfolgserlebnisse über Zeiträume führten zu Angst vor dem Schießstand sowie zu erhöhter physiologischer Aktivierung.

Dies deckt sich mit SET sowie Befunden, die eine starke Verbindung zwischen Selbstwirksamkeit und Leistung nachweisen.

2. Aufmerksamkeitsfokus und Erregungsregulation

Athlet*innen beschrieben detailliert die Bedeutung klarer Prozessziele:

  • Wenige, klar definierte Aufgaben („1–2 Tasks“) helfen dabei, nicht überfordert zu werden.
  • Zu viele Aufgaben führten zu zerstreuter Aufmerksamkeit und „automatischem“ Handeln ohne bewusste Kontrolle.
  • Vorab-Gespräche mit Trainer*innen wirkten stabilisierend und halfen, Fokus und Erregungsniveau zu regulieren.

Diese Befunde spiegeln Modelle zu Choking, Aufmerksamkeitssteuerung und Erregnungskontrolle wider.

3. Mentale Trainingsstrategien & Lücken im System

Obwohl Athlet*innen die Bedeutung psychologischer Kompetenzen erkannten, fehlten häufig strukturierte Trainingspläne.
In der Vergangenheit wurden jedoch immer wieder folgende genannte Methoden in das Schießtraining eingebaut:

  • Duelle, Staffeln, „Pressure Drills“
  • Kommentieren durch Trainer („Störung von außen“)
  • Visualisierungen & Selbstgespräche (eher intuitiv, nicht systematisch)

Diskussion

Die Ergebnisse dieser Studie verdeutlichen, dass psychologische Faktoren – insbesondere Selbstwirksamkeit, Aufmerksamkeitssteuerung und die Regulation von Erregung und Anspannung – eine zentrale Rolle für die Wettkampfleistung im Biathlon spielen. Die Athlet*innen beschrieben Selbstwirksamkeit als entscheidenden Leistungsfaktor: Wer Vertrauen in die eigene Schießtechnik besitzt, kann selbst unter hoher Belastung stabil agieren, während Unsicherheit schnell zu Fehlern und „Choking“ führt. Gleichzeitig zeigte sich, dass Aufmerksamkeit im Wettkampf dynamisch gesteuert werden muss. Athlet*innen nutzen meist wenige, klar definierte Prozessziele, um kognitive Überlastung zu vermeiden und ihren Fokus in entscheidenden Momenten aufrechtzuerhalten. Auch die Bewältigung von Angst, physiologischer Erregung und Anspannung erwies sich als bedeutsam, da negative Erfahrungen und wiederholte Fehlschüsse zu einem erhöhten Risikoszenario beim Betreten des Schießstands beitragen können.

Obwohl mentale Faktoren eine hohe Bedeutung für die Athlet*innen besitzen, zeigte sich ein deutlicher Mangel an strukturiertem mentalem Training. Psychologische Kompetenzen werden zwar intuitiv aufgebaut, jedoch selten systematisch oder langfristig geplant. Ein Großteil des mentalen Trainings erfolgt beiläufig – beispielsweise durch simulationsähnliche Übungen wie Duelle, Staffeln oder durch äußere Störreize im Training. Ein explizites, methodisch geführtes Mentaltraining, das gezielt Selbstwirksamkeit, Aufmerksamkeit und Emotionsregulation fördert, fehlt jedoch weitgehend. Die Befunde legen somit nahe, dass ein stärker integrierter Ansatz notwendig ist, der psychologische, technische, taktische und physische Inhalte miteinander verbindet.

Praktisch bedeutet dies, dass Trainer*innen und Athlet*innen psychologische Fähigkeiten ähnlich systematisch entwickeln sollten wie Technik oder Ausdauer. Der Aufbau von Selbstwirksamkeit kann gezielt durch regelmäßige Erfolgserfahrungen, simulationsnahe Trainingseinheiten und klare technische Routinen unterstützt werden. Ebenso sollten Athlet*innen lernen, den eigenen Aufmerksamkeitsfokus bewusst zu lenken, Prozessziele anzuwenden und effektive Strategien zur Regulation von Anspannung zu nutzen. Die Einführung strukturierter mentaler Trainingsprogramme – etwa zu Visualisierungen, Selbstgespräche, Atem- und Fokusmethoden – erscheint notwendig, um Leistungen unter Wettkampfbedingungen langfristig zu stabilisieren und Rückschläge besser zu verarbeiten. Insgesamt unterstreicht die Studie, dass eine systematische Verbindung von körperlicher, technischer und psychologischer Vorbereitung entscheidend ist, um den komplexen Anforderungen des Biathlons gerecht zu werden.

 

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Psychological Determinants in Biathlon Performance: A U23 National Team Case Study", die 2024 im Journal "Sports" veröffentlicht wurde.

Quellen

Frank E. Abrahamsen, Andreas Kvam, and Stig A. Sæther. 2024. Psychological Determinants in Biathlon Performance: A U23 National Team Case Study. Sports 12, 2. DOI: doi.org/10.3390/sports12020038

[1]      A. Bandura. 1977. Self-efficacy: toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review 84, 2, 191–215. DOI: doi.org/10.1037/0033-295x.84.2.191.

[2]      Marko S. Laaksonen, Thomas Finkenzeller, Hans-Christer Holmberg, and Gerold Sattlecker. 2018. The influence of physiobiomechanical parameters, technical aspects of shooting, and psychophysiological factors on biathlon performance: A review. Journal of sport and health science 7, 4, 394–404. DOI: doi.org/10.1016/j.jshs.2018.09.003.

[3]      Virginia Braun, Victoria Clarke, and Paul Weate. 2016. Using thematic analysis in sport and exercise research. In Routledge Handbook of Qualitative Research in Sport and Exercise. Routledge, 213–227. DOI: doi.org/10.4324/9781315762012-26.

 

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