Einfluss des Schießens auf das Pacing-Verhalten im Biathlon
Von Carlos Lang
Die Studie untersucht den Einfluss des Schießens auf das Pacing-Verhalten im Biathlon im Vergleich zum Skilanglauf. Zwanzig gut trainierte Biathleten absolvierten zwei Zeitläufe unter vergleichbaren Bedingungen. Die Gesamtzeit war im Skilanglauf schneller (−6,5 %), wobei selbst ohne Schießzeit ein Unterschied bestehen blieb (−1,5 %). Dieser ist hauptsächlich auf eine gezielte Temporeduktion etwa 60 Sekunden vor dem Schießen zurückzuführen. Trotz dieser Anpassung zeigten sich keine Unterschiede in Herzfrequenz (HR) oder wahrgenommener Anstrengung (RPE), was auf eine vergleichbare Gesamtbelastung hinweist. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Schießen das Pacing durch eine Umverteilung der Belastung innerhalb des Rennens beeinflusst.

Belastungs- und Geschwindigkeitsregulation im Vergleich zum Skilanglauf
- Biathlon bleibt selbst ohne Schießzeit messbar langsamer als Skilanglauf (−1,5 %).
- Die geringere Geschwindigkeit im Biathlon entsteht hauptsächlich durch eine gezielte Temporeduktion ab 60s vor dem Schießen
- Die Gesamtbelastung unterscheidet sich nicht zwischen den Disziplinen (keine Unterschiede in HR und RPE)
- Pacing wird primär durch subjektive Ermüdung gesteuert, nicht durch objektive Leistungsdaten
Einleitung
Pacing beschreibt die strategische Einteilung von Energie über die Dauer eines Wettkampfs und gilt als zentraler Leistungsfaktor im Ausdauersport [1]. Aktuelle Modelle verstehen Pacing als kontinuierlichen Entscheidungsprozess, bei dem Wahrnehmung und Handlung eng miteinander verknüpft sind [9]. Dabei spielen sowohl interozeptive Faktoren wie Ermüdung oder Atmung als auch externe Einflüsse wie Streckenprofil oder Wettkampfsituation eine Rolle [5, 9]. Ziel ist es, durch das Pacing die Belastung so zu regulieren, dass eine vorzeitige Ermüdung vermieden wird und die Leistung maximiert wird [3].
Im Biathlon ergibt sich eine besondere Komplexität, da neben der Ausdauerleistung auch präzises Schießen erforderlich ist. Fehler beim Schießen führen zu erheblichen Zeitverlusten und können einen großen Teil der Leistungsunterschiede ausmachen [2]. Gleichzeitig kann hohe Belastung die Schießleistung negativ beeinflussen, insbesondere im Stehendanschlag [8]. Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen hoher Geschwindigkeit und ausreichender Präzision.
Ziel der Forscher dieser Studie war es daher Unterschiede zwischen Biathlon und Langlauf hinsichtlich Leistung, physiologischer Belastung und Entscheidungsprozessen zu untersuchen.
Methoden
An der Studie nahmen elf hochtrainierte weibliche (Alter 21 ± 2 Jahre, Körpergröße 1.69 ± 0.06 m, Gewicht 66.2 ± 5.0 kg) und neun männliche Biathleten (Alter 22 ± 3 Jahre, Körpergröße 1.80 ± 0.06 m, Gewicht 78.0 ± 6.2 kg) teil, die auf nationalem Niveau aktiv sind. Alle Teilnehmer absolvierten zwei Zeitläufe. Einmal im Biathlonformat (mit schießen) und einmal im Langlaufformat (ohne schießen) auf derselben Strecke, wobei die Reihenfolge randomisiert wurde. Die Distanzen entsprachen Sprintformaten (7,5 km für Frauen, 10 km für Männer) und zwischen den beiden Testungen lagen 72h zur Erholung.
Im Biathlon-Test wurden zwei Schießeinlagen integriert: liegend nach Runde 1 und stehend nach Runde 2. Während der Tests wurden Geschwindigkeit, Gesamtzeit und Herzfrequenz kontinuierlich erfasst. Zusätzlich wurde die wahrgenommene Anstrengung (RPE) mehrfach während des Rennens erhoben.
Ergebnisse
Die Gesamtzeit im Biathlon betrug 26:39 ± 1:44 min, während sie im Langlauf bei 25:02 ± 1:47 min lag, was einem Unterschied von −6,5 % entspricht. Auch wenn die komplette Zeit am Schießstand herausgerechnet wurde, waren sie im Langlauf 1,5% schneller (Biathlon: 24:37 ± 1:46 min vs. Langlauf: 24:17 ± 1:48 min). Die Analyse des Pacing-Verhaltens zeigt, dass sich die größten Unterschiede in den letzten etwa 60 Sekunden (ca. 360 m) vor dem Schießen ergeben. In diesen Abschnitten war die Geschwindigkeit im Biathlon deutlich reduziert, während in anderen Streckenabschnitten keine relevanten Unterschiede zwischen den Disziplinen festgestellt wurden.
Die Herzfrequenz zeigte insgesamt ähnliche Werte in beiden Disziplinen. Erkennbare Unterschiede traten nur punktuell auf, etwa zu Beginn der zweiten und dritten Runde, wo die Herzfrequenz im Langlauf höher war. Die wahrgenommene Anstrengung (RPE) war ebenfalls weitgehend vergleichbar. Ein Unterschied zeigte sich lediglich nach den Schießeinlagen, wo die RPE im Biathlon niedriger war. Die summierte RPE war im Langlauf leicht höher (150,0 ± 6,8 vs. 145,8 ± 7,8), jedoch verschwanden diese Unterschiede, wenn die Werte direkt nach dem Schießen ausgeschlossen wurden.
Die Fragebogendaten zeigen, dass Athleten ihre Intensität bewusst vor dem Schießen reduzieren (Medianwerte: 4–5 auf einer 6-Punkte-Skala). Zudem basierten Pacing-Entscheidungen hauptsächlich auf subjektiven Empfindungen wie Muskelermüdung, während objektive Parameter wie Herzfrequenz oder Zeit eine untergeordnete Rolle spielten.
Diskussion
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass das Schießen einen zentralen Einfluss auf das Pacing-Verhalten im Biathlon hat. Die gezielte Reduktion der Geschwindigkeit in den letzten etwa 60 Sekunden vor dem Schießen kann als adaptive Strategie interpretiert werden, um physiologische Voraussetzungen für eine präzise Schussabgabe zu verbessern, beispielsweise durch eine stabilisierte Atmung [8]. Diese Anpassung beeinflusst jedoch nicht die Gesamtbelastung, sondern lediglich deren zeitliche Verteilung innerhalb des Wettkampfs, da Herzfrequenz und wahrgenommene Anstrengung weitgehend unverändert bleiben.
Die Befunde unterstützen theoretische Ansätze, die Pacing als selbstregulierten Entscheidungsprozess beschreiben [3,9]. Athleten orientieren sich dabei vor allem an internen Signalen wie Ermüdung oder muskulärer Belastung und weniger an objektiven Messgrößen wie Herzfrequenz oder Zeit [7,9]. Dies unterstreicht die Bedeutung interozeptiver Wahrnehmung für die Steuerung der Belastung im Wettkampf.
Darüber hinaus zeigt sich, dass die Pacing-Strategien im Biathlon stärker an vorab gesetzten Zielen ausgerichtet sind und während des Wettkampfs flexibler angepasst werden als im Skilanglauf. Dies deutet darauf hin, dass die zusätzliche Anforderung des Schießens eine intensivere Selbstregulation und kontinuierliche Anpassung der Strategie erfordert. In Übereinstimmung mit früheren Untersuchungen [6,10] legen die Ergebnisse zudem nahe, dass ein gleichmäßigeres Pacing möglicherweise vorteilhafter ist als ein schneller Start, insbesondere unter komplexen Wettkampfbedingungen.
Insgesamt zeigt die Studie, dass das Schießen als externer Faktor die Entscheidungsprozesse im Pacing maßgeblich beeinflusst und die Fähigkeit zur Selbstregulation eine entscheidende Rolle für die Leistungsoptimierung im Biathlon spielt [6].
Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Self-regulated pacing in biathlon: How shooting impacts skiing strategy compared to cross-country skiing", die 2026 im "Sport Sciences for Health" veröffentlicht wurde.
Quellen
Losnegard, T., Stubbe, E. V., Sakalidis, K. E., Lund-Hansen, M., Kocbach, J., & Hettinga, F. (2026). Self-regulated pacing in biathlon: How shooting impacts skiing strategy compared to cross-country skiing. Sport Sciences for Health, 22(1), 25. https://doi.org/10.1007/s11332-025-01590-9
[1] Abbiss, C. R., & Laursen, P. B. (2008). Describing and Understanding Pacing Strategies during Athletic Competition: Sports Medicine, 38(3), 239–252. doi.org/10.2165/00007256-200838030-00004
[2] Björklund, G., & Laaksonen, M. S. (2022). The Determinants of Performance in Biathlon World Cup Sprint and Individual Competitions. Frontiers in Sports and Active Living, 4, 841619. doi.org/10.3389/fspor.2022.841619
[3] Elferink-Gemser, M. T., & Hettinga, F. J. (2017). Pacing and Self-regulation: Important Skills for Talent Development in Endurance Sports. International Journal of Sports Physiology and Performance, 12(6), 831–835. doi.org/10.1123/ijspp.2017-0080
[4] Foster, C., De Koning, J. J., Hettinga, F., Lampen, J., La Clair, K. L., Dodge, C., Bobbert, M., & Porcari, J. P. (2003). Pattern of Energy Expenditure during Simulated Competition: Medicine & Science in Sports & Exercise, 35(5), 826–831. doi.org/10.1249/01.MSS.0000065001.17658.68
[5] Hettinga, F. J., Konings, M. J., & Pepping, G.-J. (2017). The Science of Racing against Opponents: Affordance Competition and the Regulation of Exercise Intensity in Head-to-Head Competition. Frontiers in Physiology, 8. doi.org/10.3389/fphys.2017.00118
[6] Losnegard, T., Lund-Hansen, M., Stubbe, E. V., Granrud, E. D., Luchsinger, H., Sandbakk, Ø., & Kocbach, J. (2023). Highly Trained Biathletes With a Fast-Start Pacing Pattern Improve Time-Trial Skiing Performance by Pacing More Evenly. International Journal of Sports Physiology and Performance, 18(12), 1435–1441. doi.org/10.1123/ijspp.2023-0211
[7] Raglin, J., Szabo, A., Lindheimer, J. B., & Beedie, C. (2020). Understanding placebo and nocebo effects in the context of sport: A psychological perspective. European Journal of Sport Science, 20(3), 293–301. doi.org/10.1080/17461391.2020.1727021
[8] Sattlecker, G., Buchecker, M., Gressenbauer, C., Müller, E., & Lindinger, S. J. (2017). Factors Discriminating High From Low Score Performance in Biathlon Shooting. International Journal of Sports Physiology and Performance, 12(3), 377–384. doi.org/10.1123/ijspp.2016-0195
[9] Smits, B. L. M., Pepping, G.-J., & Hettinga, F. J. (2014). Pacing and Decision Making in Sport and Exercise: The Roles of Perception and Action in the Regulation of Exercise Intensity. Sports Medicine, 44(6), 763–775. doi.org/10.1007/s40279-014-0163-0
[10] Smits, B. L. M., Polman, R. C. J., Otten, B., Pepping, G.-J., & Hettinga, F. J. (2016). Cycling in the Absence of Task-Related Feedback: Effects on Pacing and Performance. Frontiers in Physiology, 7. doi.org/10.3389/fphys.2016.00348
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