Einfluss des Menstruationszyklus auf die Leistungsfähigkeit
Von Carlos Lang
Ziel dieses Artikels ist die parallele Darstellung subjektiver und objektiver Untersuchungsansätze der Leistungsfähigkeit während verschiedener Phasen des Menstruationszyklus (MZ). Während viele Athletinnen zyklusabhängige subjektive Leistungsschwankungen berichten, zeigen objektive Messungen auf Gruppenniveau keine Unterschiede in zentralen leistungsbestimmenden Parametern zwischen den Zyklusphasen. Auf individueller Ebene können jedoch unterschiedliche und nicht konsistente Leistungsvariationen auftreten. Für die Praxis ergibt sich die Notwendigkeit eines individualisierten Trainingsansatzes, bei dem subjektive Wahrnehmungen stärker berücksichtigt werden als allgemeine zyklusbasierte Annahmen.

Subjektive Wahrnehmung vs. objektive Leistungsfähigkeit
- Die Menstruationszyklusphase hat keinen Einfluss auf zentrale leistungsbestimmende Parameter im Ausdauersport
- Subjektiv wahrgenommene Leistungsschwankungen lassen sich nicht durch objektive Leistungsdaten erklären
- Östrogen und Progesteron zeigen keinen Zusammenhang mit der Leistungsfähigkeit
- Individuelle Leistungsschwankungen treten auf, sind jedoch inkonsistent und nicht reproduzierbar
Einleitung
Der Menstruationszyklus (MZ) stellt einen zentralen biologischen Rhythmus bei Frauen dar, der durch zyklische Schwankungen der endogenen Sexualhormone Östrogen und Progesteron gekennzeichnet ist. Diese hormonellen Veränderungen beeinflussen nicht nur reproduktive Prozesse, sondern wirken auch auf verschiedene physiologische Systeme, die für die sportliche Leistungsfähigkeit relevant sind, darunter der Energiestoffwechsel, die neuromuskuläre Funktion sowie die Thermoregulation [4,6].
Vor diesem Hintergrund wurde in den vergangenen Jahren zunehmend untersucht, ob und in welchem Ausmaß der Menstruationszyklus die Ausdauerleistung beeinflusst. Dabei berichten zahlreiche Athletinnen subjektiv von zyklusabhängigen Schwankungen ihrer Leistungsfähigkeit und ihres Trainingsbefindens [1]. Gleichzeitig zeigen experimentelle Studien und Übersichtsarbeiten keine oder nur geringe Veränderungen in objektiven leistungsbestimmenden Parametern [2,5,8,9].
Ziel des vorliegenden Artikels ist es, die Ergebnisse einer Befragungsstudie zu subjektiven Wahrnehmungen einschließlich Leistungsbereitschaft, Erholung und Nebenwirkungen mit den Ergebnissen einer experimentellen Studie zur objektiven Leistungsfähigkeit über die verschiedenen Zyklusphasen hinweg zu kontrastieren. Dadurch soll ein differenziertes Verständnis des Einflusses des Menstruationszyklus auf die Ausdauerleistung gewonnen werden.
Beide Studien wurden im Vorfeld bereits detailliert zusammengefasst.
Einfluss des MZ auf objektive Leistungsfähigkeit
Einfluss des MZ auf subjektive Leistungsfähigkeit
Methoden
Die erste Studie basiert auf einer Befragung von 140 norwegischen Elite-Skilangläuferinnen und Biathletinnen. Mittels Fragebogen wurden unter anderem die wahrgenommene Trainingsqualität, Wettkampfleistung sowie zyklusbedingte Begleiterscheinungen erfasst. Darüber hinaus wurden Informationen zum Wissen über den Menstruationszyklus und zur Kommunikation mit Trainern erhoben. In die Analyse wurden sowohl Athletinnen mit natürlichem Menstruationszyklus als auch Athletinnen mit hormoneller Verhütung einbezogen, wobei die Nutzung hormoneller Kontrazeptiva separat erfasst und berücksichtigt wurde. Der Fokus dieser Studie lag somit auf subjektiven Einschätzungen unter realen Trainings- und Wettkampfbedingungen.
Die zweite Studie verfolgte einen experimentellen Ansatz mit 21 ausdauertrainierten Athletinnen mit regelmäßigem Menstruationszyklus ohne hormonelle Verhütung. Die Teilnehmerinnen absolvierten eine standardisierte Testbatterie in drei Zyklusphasen (frühe Follikelphase, Ovulationsphase und mittlere Lutealphase), wobei die Phasen durch Kalendererfassung, Ovulationstests und hormonelle Analysen bestimmt wurden. Untersucht wurden zentrale leistungsbestimmende Parameter wie V̇O₂peak, Laktatschwelle, Laufökonomie und Zeit bis zur Erschöpfung.
Ergebnisse
Die Ergebnisse der Befragungsstudie zeigen, dass ein Großteil der Athletinnen zyklusabhängige Veränderungen der Leistungsfähigkeit wahrnimmt. Die beste subjektive Trainings- und Wettkampleistung wurde überwiegend in der späten Follikelphase beziehungsweise frühen Lutealphase berichtet, während die schlechteste Leistungsfähigkeit häufig während der Menstruation auftrat. Gleichzeitig berichtete etwa die Hälfte der Athletinnen, keine zyklusabhängigen Veränderungen ihrer wahrgenommenen Leistungsfähigkeit festzustellen. Zudem berichteten viele Athletinnen über Begleiterscheinungen wie Unterleibskrämpfe oder Blähungen, die insbesondere zu Beginn der Menstruation auftraten und teilweise zu Anpassungen im Training führten.

Im Gegensatz dazu zeigte die experimentelle Studie keine erklärbaren Unterschiede in den untersuchten leistungsbestimmenden Parametern zwischen den Zyklusphasen. Weder die höchstgemessene Sauerstoffaufnahme (V̇O₂peak) noch die Laufökonomie, die Zeit bis zur Erschöpfung oder die maximale Leistungsfähigkeit unterschieden sich zwischen früher Follikelphase, Ovulationsphase und mittlerer Lutealphase. Auch konnte kein Zusammenhang zwischen den Konzentrationen der Sexualhormone Östrogen und Progesteron und den Leistungsparametern festgestellt werden.
Diskussion
Die Gegenüberstellung der beiden Studien verdeutlicht eine Diskrepanz zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiv messbarer Leistungsfähigkeit. Während die Befragungsstudie zeigt, dass ein Großteil der Athletinnen zyklusabhängige Veränderungen in Trainings- und Wettkampfleistung wahrnimmt, konnte die experimentelle Studie keine signifikanten Unterschiede in leistungsbestimmenden Parametern zwischen den verschiedenen Zyklusphasen feststellen. Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit früheren Untersuchungen, die ebenfalls keinen Einfluss der Zyklusphase auf zentrale Ausdauerparameter fanden [5,8,9].
Diese scheinbare Widersprüchlichkeit lässt sich durch mehrere Faktoren erklären. Zunächst ist zu berücksichtigen, dass subjektive Leistungseinschätzungen nicht ausschließlich von physiologischen Parametern abhängen. Vielmehr spielen Symptome wie Menstruationsschmerzen, gastrointestinale Beschwerden (z. B. Blähungen, Bauchschmerzen oder Verdauungsprobleme) oder Müdigkeit eine entscheidende Rolle. Diese treten insbesondere in der frühen Follikelphase gehäuft auf und können das Belastungsempfinden sowie die Trainingsmotivation negativ beeinflussen [3]. Auch wenn diese Symptome nicht zwangsläufig zu einer messbaren Reduktion der Ausdauerleistungsfähigkeit führen, können sie die individuelle Leistungswahrnehmung erheblich verzerren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die methodische Qualität der Studien. Die experimentelle Studie bestimmt die Zyklusphasen sehr genau mithilfe eines dreistufigen Verfahrens aus Kalendererfassung, Ovulationstests und hormoneller Analyse. Dadurch ist eine zuverlässigere Einordnung der einzelnen Phasen möglich. Frühere Studien sowie auch die Befragungsstudie basieren hingegen häufig auf vereinfachten oder subjektiven Einschätzungen der Zyklusphase, was die Vergleichbarkeit der Ergebnisse einschränkt [8]. Zudem wurden in der experimentellen Studie ausschließlich Athletinnen mit regelmäßigem Menstruationszyklus ohne hormonelle Verhütung untersucht, während im Leistungssport viele Athletinnen hormonelle Verhütungsmittel nutzen oder unter Zyklusstörungen leiden[7].
Zusammenfassend zeigen die beiden Studien, dass der Menstruationszyklus auf Gruppenebene keinen konsistenten Einfluss auf objektive leistungsbestimmende Parameter der Ausdauerleistung hat. Gleichzeitig berichten viele Athletinnen subjektiv von zyklusabhängigen Schwankungen, die insbesondere durch Begleiterscheinungen und individuelle Faktoren geprägt sind. Die zentrale Erkenntnis liegt somit nicht in einem generellen zyklusabhängigen Leistungseffekt, sondern in der hohen interindividuellen Variabilität. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, den Menstruationszyklus im Leistungssport nicht als standardisierten Einflussfaktor zu betrachten, sondern als individuell unterschiedlich wirkenden Aspekt, der im Rahmen einer personalisierten Trainingssteuerung berücksichtigt werden sollte.
Praktische Empfehlungen
- Dokumentation des Menstruationszyklus (Symptome im Verlauf des Menstruationszyklus)
- Bewusste Anwendung von hormonellen Verhütungsmitteln (Präparate sollten für individuelle Situation geeignet sein), Abwägung von Nebenwirkungen im Individualfall
- Verbesserung der Kommunikation über die Thematik (große interindividuelle Leistungsschwankungen und Begleiterscheinungen möglich; Kommunikation wichtig, um die Gesundheit und die Trainingsanpassungen zu unterstützen)
- Weiterbildung zum Thema Menstruationszyklus und hormonelle Verhütung für Trainer
- Workshops zum Umgang mit dem Menstruationszyklus im Leistungssport für Athletinnen
Die Inhalte basieren auf der Originalstudien " Menstrual Cycle Phase Has No Influence on Performance-Determining Variables in Endurance-Trained Athletes: The FENDURA Project" und "Changes in Self-Reported Physical Fitness, Performance, and Side Effects Across the Phases of the Menstrual Cycle Among Competitive Endurance Athletes" , die 2020 und 2024 im "Medicine & Science in Sports & Exercise" sowie "International Journal of Sports Physiology and Performance" veröffentlicht wurden.
Quellen
[1] Taylor, M. Y., Osborne, J. O., Topranin, V. D. M., Engseth, T. P., Solli, G. S., Valsdottir, D., Andersson, E., Øistuen, G. F., Flatby, I., Welde, B., Morseth, B., Haugen, T., Sandbakk, Ø., & Noordhof, D. A. (2024). Menstrual Cycle Phase Has No Influence on Performance-Determining Variables in Endurance-Trained Athletes: The FENDURA Project. Medicine & Science in Sports & Exercise, 56(9), 1595–1605. doi.org/10.1249/MSS.0000000000003447
[2] Solli, G. S., Sandbakk, S. B., Noordhof, D. A., Ihalainen, J. K., & Sandbakk, Ø. (2020). Changes in Self-Reported Physical Fitness, Performance, and Side Effects Across the Phases of the Menstrual Cycle Among Competitive Endurance Athletes. International Journal of Sports Physiology and Performance, 15(9), 1324–1333. doi.org/10.1123/ijspp.2019-0616
[3] Armour, M., Parry, K. A., Steel, K., & Smith, C. A. (2020). Australian female athlete perceptions of the challenges associated with training and competing when menstrual symptoms are present. International Journal of Sports Science & Coaching, 15(3), 316–323. doi.org/10.1177/1747954120916073
[4] De Souza, M. J., Maguire, M. S., Rubin, K. R., & Maresh, C. M. (1990). Effects of menstrual phase and amenorrhea on exercise performance in runners: Medicine & Science in Sports & Exercise, 22(5), 575–580. doi.org/10.1249/00005768-199010000-00006
[5] Gordon, D., Scruton, A., Barnes, R., Baker, J., Prado, L., & Merzbach, V. (2018). The effects of menstrual cycle phase on the incidence of plateau at and associated cardiorespiratory dynamics. Clinical Physiology and Functional Imaging, 38(4), 689–698. doi.org/10.1111/cpf.12469
[6] Janse De Jonge, X., Thompson, B., & Han, A. (2019). Methodological Recommendations for Menstrual Cycle Research in Sports and Exercise. Medicine & Science in Sports & Exercise, 51(12), 2610–2617. doi.org/10.1249/MSS.0000000000002073
[7] Martin, D., Sale, C., Cooper, S. B., & Elliott-Sale, K. J. (2018). Period Prevalence and Perceived Side Effects of Hormonal Contraceptive Use and the Menstrual Cycle in Elite Athletes. International Journal of Sports Physiology and Performance, 13(7), 926–932. doi.org/10.1123/ijspp.2017-0330
[8] McNulty, K. L., Elliott-Sale, K. J., Dolan, E., Swinton, P. A., Ansdell, P., Goodall, S., Thomas, K., & Hicks, K. M. (2020). The Effects of Menstrual Cycle Phase on Exercise Performance in Eumenorrheic Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports Medicine, 50(10), 1813–1827. doi.org/10.1007/s40279-020-01319-3
[9] Taipale-Mikkonen, R. S., Raitanen, A., Hackney, A. C., Solli, G. S., Valtonen, M., Peltonen, H., McGawley, K., Kyröläinen, H., & Ihalainen, J. K. (2021). Influence of Menstrual Cycle or Hormonal Contraceptive Phase on Physiological Variables Monitored During Treadmill Testing. Frontiers in Physiology, 12, 761760. doi.org/10.3389/fphys.2021.761760
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